Rückenschmerzen
Nadeln lindern die Last
Es klingt wie Zauberei. 10 kleine Nadeln, auf bestimmte Punkte des Körpers gesetzt, befreien vom "Kreuz mit dem Kreuz".Wie ist das möglich, fragt sich da mancher verwundert. Chinesische Ärzte haben damit schon vor Jahrtausenden erfolgreich ihre Patienten geheilt und tun das noch heute. Auch in der westlichen Welt setzen nun immer mehr Menschen - Ärzte wie Patienten - auf Akupunktur, bei akuten wie bei chronischen Beschwerden.

Mit großer Ruhe setzt der Akupunkturarzt seine Nadeln. Je eine auf die äußere Kante der rechten und der linken Hand, je eine in die Kniekehlen, je eine in die Fersen. Und dazu noch vier in den Rücken, etwa dorthin, wo der Schmerz sitzt und von wo er bis in die Beine ausstrahlt. Beim - übrigens schmerzlosen - Akupunktieren dreht, hebt und senkt der Arzt die Nadeln behutsam, denn das erhöht die Wirkung.
Warum nimmt er gerade diese Punkte? Das hängt zusammen mit den Meridianen, einem Leitbahnsystem im Körper, das Haut, Gelenke und Organe verbindet. Nach den Vorstellungen der TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) fließt durch die insgesamt 14 Haupt-Meridiane und einige Nebenleitbahnen die Lebensenergie Qi (gesprochen: Tschi). Ist dieser Energiefluss gestaut, zu heftig, unterbrochen oder sonstwie behindert, kommt es zu Störungen und schließlich zu Schmerzen. Durch das Nadelsetzen an Nahund Fernpunkten der Meridiane wird der Fluss des Qi verbessert.
Manchmal hilft zusätzliche Wärme
Die Nadeln bleiben etwa 20 bis 30 Minuten liegen. ("Liegen bleiben" ist der Fachausdruck für die Ruhezeit der gesetzten Nadeln.) Behandelt wird anfangs zwei Wochen lang zweimal in der Woche, danach etwa acht Wochen lang einmal in der Woche. Verstärkt werden kann die Wirkung der Nadeln durch Wärme. Bei dieser so genannten Moxibustion werden kleine Stumpen aus getrocknetem Beifuß auf die Nadeln gesetzt und angezündet. Angewandt wird diese Methode aber nur bei Patienten, die Wärme bei Behandlung ihrer Schmerzen als ausgesprochen angenehm empfinden. In manchen Fällen kann es erforderlich sein, schwachen Strom (Reizstrom) an der Akupunkturnadel anzulegen.
Oft spürt der Patient schon nach den ersten drei Sitzungen eine Linderung seiner Schmerzen. Nur etwa zehn Prozent der Patienten sprechen überhaupt nicht auf Akupunktur an. Bei 70 Prozent der chronischen Beschwerden bringt das Nadeln guten Erfolg. Bei akuten Problemen ist das Ergebnis sogar noch besser. Da liegt es bei 80 Prozent.
Wie behandelt die Schulmedizin?
In Krankenhäusern und Arztpraxen behandelt man Rückenprobleme von Nackenverspannungen bis zum Bandscheibenvorfall mit entzündungshemmenden Spritzen, Schmerzmitteln, Massagen, Bettruhe, Wärme- oder Kältebehandlung und mit Krankengymnastik. Operiert wird nur noch, wenn der Verdacht auf einenNervenausfall besteht. Das heißt, wenn der Patient ein Bein nicht mehr bewegen kann,wenn Blase oder Darm nicht mehr richtig funktionieren oder wenn sich andere Ausfälle des Nervensystems zeigen.
Akupunktur und Schulmedizin treffen sich
Haltungsschäden,Über- oder Unterbelastung können dazu führen, dass ein Muskel sich verspannt und verkürzt. Dann entstehen schmerzhafte Knoten. Jeder Muskel kann mehrere solcher Reizstellen - auch Triggerpunkte oder Myogelosen genannt - bilden. Das Erstaunliche: Die meisten von ihnen, nämlich rund 75 Prozent, sind klassische Akupunkturpunkte. Die schulmedizinische Behandlung in Form von z.B. Massagen setzt also ebenfalls da an, wo Akupunktur - Ärzte ihre Nadeln setzen.
Wie erklärt sich die Wirkung der Akupunktur?
Wie sich die Wirkung der Akupunktur erklärt, weiß man nicht ganz genau. TCM ist eine Erfahrungsmedizin, die sich mit schulmedizinischen Erklärungen nicht fassen lässt. Immerhin, steht so viel fest: Als Reaktion auf das Nadeln setzt der Körper Endorphine
frei. Das sind Substanzen, die der Körper selbst bildet und zur Schmerzhemmung einsetzt. Außerdem steigt der Serotoninspiegel so deutlich, dass sich die Erhöhung durch Messungen nachweisen lässt. Serotonin ist eine Substanz mit vielfältigen
Aufgaben im Körper. Als Neurotransmitter, also als Impuls-Überträger von einer Nervenzelle zur anderen, steuert es bestimmte Hirnfunktionen, u.a. auch das
Schmerzempfinden.
Mit einer Bücherkiste fing alles an ...
Beim Anheben eines Kasten mit Mineralwasser passiert es. Lidia M., 44, spürt einen heftigen Schmerz im Rücken. "Jetzt hat es dich wieder erwischt ..." durchzuckt es sie, denn solche Schmerzen kennt sie. In den letzten zehn Jahren hatte sie mehrere solcher Attacken. Das erste Mal kamen die Schmerzen nach dem Heben einer schweren Bücherkiste. Damals konnte sie sich eine Woche lang überhaupt nicht bewegen.
Es hilft nichts, sie muss zum Arzt. Der Schmerz strahlt nach rechts unten zur Pobacke und zur Rückseite des Beins aus. Der Orthopäde untersucht Lidia und macht den Lasègue-Test. Das heißt, er hebt erst das eine, dann das zweite Bein leicht an. Auf der rechten Seite ist der Test positiv: Das Heben des gestreckten Beines ruft einen intensiven Schmerz im Rücken hervor.
Das spricht für einen Bandscheibenvorfall
Der Arzt lässt ein Computertomogramm machen. Es bestätigt seinen Anfangsverdacht, Lidia hat einen Bandscheibenvorfall zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel. Sie muss im Krankenhaus bleibenund wird mit konservativer Therapie behandelt. Das heißt: Bettruhe, Massagen und Fango. Da die Schmerzen bleiben, bekommt Lidia verschiedene Schmerzmittel in immer höherer Dosierung. Nach zwei Wochen wird sie entlassen, ohne dass eine nennenswerte Besserung eingetreten ist.
Auf die Empfehlung eines Bekannten geht Lidia schließlich zu einem Akupunkturarzt. Nach genauer Untersuchung setzt er Nadeln an ihre Hand, am Sprunggelenk, am Kniegelenk sowie am Rücken - dorthin, wo der Schmerz immer noch sitzt.
Bereits nach der ersten Sitzung spürt sie eine deutliche Schmerzlinderung, die allerdings nur etwa acht Stunden anhält. Es werden zehn weitere Sitzungen im Abstand von zwei Tagen durchgeführt. Außerdem wird Lidia von einer Krankengymnastin behandelt, die ihr zeigt, welche Übungen sie regelmäßig zu Hause machen soll. Danach geht es bergauf.
Nach der zehnten Akupunktur- Behandlung hat Lidia keine Beschwerden mehr. Ihre Übungen macht sie "zur Sicherheit", wie sie sagt, weiter.
Von Patient zu Patient
"Meine Schmerzen waren höllisch..."
Ulla Puttika
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